Schluss mit dem Schlendrian: Berlin räumt auf

Berlin, du bist so wunderbar. Unsere geliebte Heimatstadt bringt man im allgemeinen nicht als erstes mit ausufernder Bürokratie in Verbindung. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Dachten wir. Bis uns Anfang der Woche ein Dokument von nicht zu unterschätzender Tragweite untergekommen ist. Denn was man hier darf, und was nicht, das regelt in Wahrheit – detailverliebt bis an die Schmerzgrenze – der frisch aktualisierte „Erlass über die Ermächtigung von Polizeidienstkräften zur Erteilung von Verwarnungen“ des Landes Berlin. Unser Fundstück der Woche.

Von fangfertigen Fischereigeräten und Hundehorden

Gerade noch erlaubt: Gassigehen mit vier Hunden / Foto: Matt Nelson, Unsplash

Auf 26 Seiten regelt der Erlass alles Mögliche von der Verordnung zur Grundstücksnummerierung über das Friedhofsgesetz bis hin zum Fahrlehrergesetz. Da ist viel Sinnvolles dabei, einige Kuriositäten ließen sich die Verantwortlichen aber nicht nehmen.

So ist etwa „unbefugtes Mitführen fangfertiger Fischereigeräte“ verboten und wird mit 10 Euro bestraft. Ich höre das Raunen geradezu durch unsere Leserschaft gehen. Tja, vorbei mit dem Schlendrian beim Angelausflug!

Das „Befahren von Eisflächen mit Fahrzeugen wie Fahrrädern“ kostet gar 30 Euro, das gleichzeitige „Führen von mehr als 4 Hunden“ sogar 35 Euro! Das „Benutzen von Schleuder-, Wurf- oder Schießgeräten“ in Grünanlagen schlägt gar mit 40 Euro zu Buche. Adieu, ihr entspannten Frisbee-Runden im Park!

Die Hausbesitzer unter euch sollten jetzt mal eben vor die Tür treten und die Beleuchtung der Hausnummer prüfen. Ist die nämlich defekt, könnte euch eine Rechnung über 25 Euro ins Haus flattern. Vorausgesetzt, der Postbote findet es im herbstlichen Nachmittagsdunkel.

Für unsere Branche auch nicht ganz unerheblich: Das Verteilen von Flyern und Ähnlichem auf Friedhöfen ist nicht so ohne Weiteres erlaubt und kostet 20 Euro Bußgeld.

Erkennbar Betrunkene und die Sache mit dem Lippenstift am Glas

Hoffentlich bleibt da nichts kleben! / Foto: Michael Discenza, Unsplash

Gleich eine ganze Reihe von Verordnungen widmet sich einem der absoluten USPs unserer schönen Stadt: dem Feiern. Bevor ihr also das nächste Mal übermütig euren Bierbecher durch die Konzerthalle feuert, denkt lieber noch mal drüber nach. Denn die „Belästigung der Allgemeinheit durch Werfen von kleinen Gegenständen (wie Trinkbechern, Bierbüchsen) bei Veranstaltungen“ wird mit 20 Euro geahndet.

Genauso teuer kann euch die „Benutzung eines Tonwiedergabegerätes oder Musikinstrumentes mit einer Lautstärke, durch die jemand erheblich gestört wird“ zu stehen kommen. Überhaupt der Lärm: Stört ihr jemanden „in seiner Nachtruhe“, können 35 Euro fällig werden; sofern ihr jemanden „an Sonn- und Feiertagen […] in seiner Ruhe erheblich“ stört, 20 Euro. Wer bringt das nur den ganzen Ryanair-Suffies bei, die haufenweise Pub crawlend und grölend durch die Szene-Kieze Berlins ziehen?

Besonders vorsichtig sollten Gastronomen sein. Schenken die nämlich „einem erkennbar Betrunkenen“ alkoholische Getränke aus, können sie dafür mit 55 Euro zur Kasse gebeten werden. Entdeckt der Betrunkene an seinem frisch ausgehändigten Glas dann auch noch Lippenstiftreste, können noch mal 25 Euro dazukommen. Lohnen könnte sich auch ein Blick in die Küche: Wird „beim Herstellen, Inverkehrbringen und Behandeln unverpackter Lebensmittel“ geraucht, klingeln 25 Euro in der Landeskasse.

Auch im säkularen Berlin verboten sind übrigens „Musikalische Darbietungen jeder Art in Räumen mit Schankbetrieb“ und „öffentliche Tanzveranstaltungen“ am Karfreitag, Volkstrauertag oder Totensonntag von 4.00 bis 21.00 Uhr. Bei Zuwiderhandlung drohen jeweils 30 Euro Bußgeld.

Ihr wollt mehr davon? Bürokratie-Nerds, Ordnungsamt-Fans und alle, die auf Nummer sicher gehen wollen, können sich den kompletten Erlass hier reinfahren, einen erheiternden Kommentar dazu vom Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt hört ihr hier: