Stillstand war gestern: Hinter den Kulissen der KPM Berlin

Rote Backsteinbauten weisen uns den Weg. Unsere Fußabdrücke hinterlassen Spuren in der feinen, weißen Staubschicht auf dem Boden. Es ist eine erhabene Ruhe, die uns gleich im ersten Raum auffällt. Drei Blogger, ein Fotograf und ich. Wir sind angekommen: in den Schatzkammern der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin.

Bei unserer Führung hinter die Kulissen der KPM Berlin beobachten wir wie Manufakturisten konzentriert vor großen Fenstern ihrer Arbeit nachgehen. Sie füllen Mauke in dicke Formen, lösen schließlich die fragile Porzellanmasse aus ihrem Mantel, bringen zarte Porzellantassen in Form und fixieren die Henkel. Tassen, Teller, Figuren und Vasen aus „weißem Gold“, so beschrieb Friedrich der Große, König von Preußen und Brandenburg, seine geliebten Porzellanstücke. Gegründet vor über 250 Jahren wird das Wissen um das Porzellanhandwerk seit Jahren und Jahrzehnten geteilt, die Tradition um diese feine Kunst weitergegeben. Hoch zerbrechlich wirken die matten Kurland-Teller in den hölzernen Regalen, während wir mit unseren Winterstiefeln an ihnen vorbeilaufen.

| KPM KÖNIGLICHE PORZELLAN MANUFAKTUR BERLIN @kpmberlin

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Durch die Hallen der Manufaktur schlendernd und den Erzählungen um die KPM Berlin lauschend, wird ein Foto nach dem anderen geschossen. Die eingeladenen Influencer Berlins sind begeistert von der präzisen Arbeit der Modelleure, Formgießer, Manufakturisten, die ruhig ihrem Handwerk nachgehen und sich vom Blitzlichtgewitter von @herrglueck, @newniqberlin und @monochromediy so gar nicht beeindrucken lassen. Sie atmen ein, aus, streichen das Porzellan glatt und beginnen von vorne. Ruhe. Man könnte meinen, die Geschichte sei an dieser Stelle zu Ende. Die Porzellan-Klassiker schaffen es nach Brennen, Glasur, Brennen, Kontrolle 1, Kontrolle 2 in die Verkaufsgalerien. Wir könnten – Kaffee aus feinsten Kurland-Tassen schlürfend – in der Runde sitzen. Doch die Geschichte der KPM Berlin ist auch nach 250 Jahren nicht fertig geschrieben.

Sieben Könige und Kaiser hielten schon das Zepter über die Manufaktur geschwungen. Die Ära der Monarchie ist hierzulande längst vergangen, doch die königlichen Qualitätsansprüche sind geblieben: Manch einer spricht von Stillstand: verstaubte Korridoren, ruhige Werkhallen. Doch der Boden ist mit weißem Porzellanpulver bedeckt, die Manufakturisten konzentriert bei der Arbeit. 250 Jahre später schreibt die KPM weiter Designgeschichte – und verliert auch den Anschluss an die aktuelle Zeit nicht. Mit Chef-Designer Thomas Wenzel bringt die KPM Berlin jetzt Cocktail-Sets in die Galerien, entwirft Vasen mit Mops und polarisiert mit progressiven Porzellanmalereien, die in den Kommentarzeilen der Social Media schon zu manch einer Debatte geführt haben.

Der Künstler hinter solch polarisierenden Malereien kümmert sich allerdings wenig um den Wirbel. Vor rankendem Efeu sitzt der Hamburger Stefan Marx und malte Hunde auf glänzenden URBINO Tassen. Seine „Sundaayyyssss“-Zeichnungen eines trägen Hundes, der Sonntage hasst, sind auf Instagram legendär. Sie symbolisieren Marx persönliche Aversion gegen das Nichts eines Sonntages. Wenn Hunde-Skizzen auf Social Media, Designe für Plattencover und T-Shirts, Tattoo-Entwürfe und Zeichnungen für Skateboards zum Alltag geworden sind, sucht der Künstler sich neue Herausforderungen.

Heute ist es eine glatte, porzellanweiße Leinwand, die nur darauf wartet unter dem Label KPM+ in das 21. Jahrhundert transportiert zu werden. Trude Petry gewann 1937 schon Designpreise für die zeitlose URBINO Kollektion, Stefan Marx bemalt die cleane Oberfläche der URBINO Tasse nun mit Hunden, die im Regen stehen. Das klingt falsch? Nein. Das ist Kunst. Und wird so schnell nicht wegkommen. Designklassiker in neuem Anstrich schmücken nun den Bürotisch des urbanen Digital Natives, statt zum Talk-Gespräch von Kunsthistorikern zu verstauben. Wir dürfen gespannt bleiben, was bei der KPM Berlin als nächstes passiert. Eines wird mit Sicherheit nicht geschehen: Stillstand war gestern, KPM+ ist heute.

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